HANSE-BIKER HELL PATROL

...on the road zum Motorradschutzgebiet in den Harz
(Matzes Ranger-Station in Förste)

Wir fuhren seit einer Ewigkeit durch diesen grünen Tunnel. So jedenfalls erschien uns die einsame Straße durch den Endlosigkeit gaukelnden Wald. Langsam wurde es dunkel und die feuchte Luft begann durch unsere Lederjacken zu kriechen. Doch es war noch immer recht warm für einen Aprilabend und eine Freude die schweren Chopper durch die Serpentinen im Motorradschutzgebiet Harz zu schwenken. Das Vorderrad legte sich fast von selbst in die richtige Position und die Haftung schien grenzenlos gut. Ach, es war eine gute Idee gewesen, sich auf das Motorrad zu setzen und den ganzen Rest der Welt hinter sich zu lassen. Zwar hatten wir in unserem hastigen Aufbruch vergessen, das Kartenwerk einzustecken, aber deswegen machten wir uns noch keine Sorgen. Wenn wir Matze im Harz treffen, würde er schon ein Quartier für die Nacht finden.

'Nur noch ein Stündchen', dachten wir, 'dann kriechen wir in ein warmes Bett in einer netten kleinen Pension bei Osterrode/Förste'.

Es wurde langsam dunkler, doch die Scheinwerfer bohrten beruhigend ihre weißgelben Kegel in die zunehmende Dämmerung und vertrieben alle Zweifel über den Verlauf der Straße, deren Qualität allerdings im Harz schlagartig abgenommen hatte.

Wir packten die Apes fester und konzentrierten uns auf die Straße, deren Windungen jetzt immer unberechenbarer wurden. Zudem kondensierte die Luftfeuchtigkeit in bleichen Nebelfetzen, die uns - plötzlich im Scheinwerferlicht auftauchend - für Momente jegliche Sicht nahmen. Wir fuhren langsamer, die Vibrationen durch die ausgebesserten Stellen rüttelten unsere Arme weich. Wo waren wir überhaupt? Wir ärgerten uns.
Wir hätten doch auf die Wegweiser am Straßenrand achten sollen. Der Nebel trat jetzt häufiger in kleinen Bänken auf, die sich geradezu aus den Bäumen auf uns herabzustürzen schienen. Zwanzig Meter Dunst, und wenn wir gerade auf die Bremse getreten hatten, waren wir auch schon wieder heraus. Wir wurden wieder langsamer. Bei Gott, wenn wir in diesem Tempo weiterfuhren, dann kommen wir heute nicht mehr bei Matze in Förste an.  Inzwischen war es auch richtig dunkel geworden, und schon lange war uns kein Auto mehr entgegen gekommen. aber vielleicht war ja hinter der nächsten im Nebel liegenden Kurve ein Dorf. Wir fuhren weiter. Der Straßenbelag nahm die Feuchtigkeit in einem schimmernden Film auf und verstärkte unsere Fahrunsicherheit noch. Auf diesen nassen Bitumenflecken konnte man ganz schnell ins Rutschen kommen. Die Straße war zudem nach oben gewölbt und in den Kurven natürlich abschüssig nach außen. Unter unseren Helmen brach langsam der kalte Schweiß aus. Wir achteten nur noch auf die paar Meter Asphalt vor uns, die klar erkennbar waren. Hups, beinahe wäre es so weit gewesen. Dicht am äußeren Rand eierten wir um die Haarnadellinkskurve herum.
 


So erleichtert waren wir, als wir es geschafft hatten, daß wir einen kurzen Blick in die Rückspiegel warfen und zusammenzuckten. Hinter uns richteten sich gerade eine Menge einzelner Scheinwerfer aus der Schräglage auf, und einige Augenblicke später waren sie überall um uns herum. Wie der Überfall eines Hornissenschwarms. Schwarz gekleidete Gesellen, mit zerschlissenen Lederjacken umringten uns auf der schmalen Straße. Sie fuhren auf ihren röhrenden Choppern vor, neben und hinter uns, hielten uns in ihrer Mitte, wie ein Rudel Wölfe die Beute. Die Maschinen schienen ausnahmslos in ziemlich desolatem Zustand zu sein. Wir erkannten hier und da verbeulte Tanks und große Rostflecken auf dem Lack. Die Gesichter der Fahrer konnte man hinter den Brillen und vorgebundenen Halstüchern nicht erkennen, auch drehte sich niemand in unsere Richtung und wir waren zu beschäftigt mit der Straße und unserer aufkeimenden Panik, um längeren Blickkontakt aufzunehmen. Wir wollten bremsen, aber die Kerle hinter uns machten keinen Platz.

'Was haben die mit uns vor?' fragten wir uns bang. 'Wollen die sich umbringen und uns gleich mit?'
 

Es ging weiter - viel zu schnell für unseren Geschmack - aber wir mußten wohl oder übel mithalten. Der Präsi setzte sich direkt vor uns und wir sahen seine Kutte im Fahrtwind flattern, konnten aber den Clubnamen nicht entziffern. Wir waren ein Stück erleichtert, als wir unter den schwarzen Gestalten ein paar weibliche Figuren zu erkennen glaubten. Wenn sie Frauen dabei hatten, waren sie hoffentlich nicht gewalttätig. Wir waren uns nicht ganz sicher. Man hatte ja schon so manche Geschichte vom MC  'HELL PATROL' im Harz gehört, obwohl wir uns darüber im Klaren war, daß der Großteil der Chopperfahrer besser war, als ihr Ruf. Schreien oder Hupen war in dem infernalischen Getöse der offenen Auspuffanlagen sowieso zwecklos. So entschieden wir uns, einfach dem Präsi hinterher zu fahren, bis der sich irgendwie zu erkennen gab.

Es ging in halsbrecherischem Tempo in eine Folge von Spitzkehren und wir fragten uns wie zum Teufel der Präsi in dieser Suppe erkennen konnte, wann er zu bremsen hatte. Denn, daß er es erkannte, stand außer Zweifel. Zuerst flammten die Bremslichter an der Maschine vor ihm auf, dann - Sekundenbruchteile versetzt - die der anderen Maschinen und wir taten gut daran, genau so schnell zu reagieren. Wir staunten, wie gut dieser Trupp eingespielt war. Sie beherrschten ihre großvolumigen Bikes ohne Ausnahme virtuos. Wieder eine Spitzkehre. Mit einer Schräglage im Grenzbereich donnerte der ganze Pulk flüssig um die Gefahrenstelle herum. Einige elegante Positionswechsel vor einem herausragenden Gullideckel. Wir waren schwer beeindruckt und gaben unser Bestes um nicht schlecht aufzufallen. Wenn die Umstände auch unheimlich waren, so konnten wir hier doch noch etwas lernen. Die diesige Dunkelheit raste links und rechts vorbei, aus den Augenwinkel erahnte man die tödliche Schwärze des Harzer Gebirgswaldes, doch wir fühlten uns nun völlig sicher hinter dem Rücken des Präsis.

'Die kommen bestimmt hier aus der Gegend', dachten wir hoffnungsvoll, 'und fahren jetzt nach Hause.' Am Straßenrand erschien eine große Warntafel:

Achtung Motorradfahrer!

Erhöhte Unfallgefahr!

Darunter eine Geschwindigkeitsbeschränkung für Motorräder auf 50 km/h. Den Präsi schien das nicht zu stören, mit 90 Sachen blubberte er in die mörderische Folge von abschüssigen Kurven hinein. Uns wurde wieder mulmig und die Selbstmordtheorie erschien wieder vor unseren geistigen Augen, doch gerade als wir ohne Rücksicht bremsen wollten, um dieser wahnsinnigen Gruppe zu entkommen, bremste auch schon der Präsi auf 30 runter. Wir gaben uns Mühe zu reagieren, und wunderten uns nicht schlecht. War die Straße doch gerade wieder extrem gut belegt und schien die Gefahrenzone überwunden. Doch dann sahen wir den Grund für diese Aktion. Aus dem Nebel tauchte eine rechtwinklige Kurve ohne Leitplanke auf, die übergangslos in eine in der Tiefe nur zu erahnende Schlucht führte. Die Scheinwerfer leuchteten kurz die senkrechte, gegenüberliegende Felswand an.

'Meine Güte, was für eine Falle!', wir waren geschockt. Alleine hätten wir jetzt ganz sicher da unten gelegen. Wir schluckten schwer, klappten die Visiere hoch und atmeten laut aus.

"Puuuuhhhh!"

Doch der Präsi zog schon wieder an und die ganze Truppe und auch wir hielten mit. Obwohl es noch immer dunkel war, schien doch der Nebel nachzulassen. Außerdem lichtete sich langsam der Wald. Wir schauten auf die Kilometerzähler. Vielleicht würden wir gleich liegenbleiben - Tanks leer. Wir warteten schon auf das plötzliche Motorbremsen, mit dem im allgemeinen der Benzinmangel kundgetan wurde, da sahen wir am Fuße einer kilometerlangen Abfahrt, hinter dem sich lichtenden Nebel, die Lichter und Straßenlaternen von Förste auftauchen. Na bis dort würden wir auf jeden Fall kommen, auch wenn wir einfach nur rollen. Rechts zweigte ein schmaler Weg ab. Der Präsi hob eine schwarzbehandschuhte Hand, ballte die Faust, und bevor wir uns versahen war er aus der Mitte der Gruppe heraus und fuhr alleine auf der breiten Straße. Der Rest der Gang war geschlossen bei voller Fahrt in den Seitenweg abgebogen. Die Rücklichter verschwanden wie am Fließband um die nächste Biegung. In diesem Moment gingen unsere Motoren aus. Wir zogen schnell die Kupplung und nun war es auf einmal völlig still. Das war merkwürdig, denn der Lärm der mindestens fünfzehn Chopper hätte noch lange zu hören sein müssen. Vielleicht gab es dort einen Campingplatz, dachten wir uns. Wir würden Matze danach fragen und vielleicht konnten wir uns morgen bei dem ominösen Präsi für das sichere Geleit bedanken.

So rollten wir, nur vom Rauschen begleitet, die Hauptstraße hinunter direkt bis auf den Hof der Ranger-Station von Matze in Förste. Wir stellten die Chopper ab und betraten mit unserem Gepäck unter den Armen die Ranger-Station.

"N'abend Matze"

"Hallo Jungs"

"Sag mal, die Strecke hierher ist ja gar nicht ohne."

"Ja, es hat schon ein paar Kurven", grinste Matze, "und dann bei dem Wetter."

"Du sagst es. Wenn da nicht dieser Motorradclub gewesen wäre, dann stünden wir jetzt nicht hier."

"Motorradclub?", Matze wurde plötzlich ernst.

"Ja, so ungefähr 15 bis 20 Maschinen, die haben uns durch die schwierigste Stelle geleitet. Die kannten die Strecke wie ihre Westentasche."

Matze wurde bleich.

"Sicher, sicher." murmelte er und beugte sich tief über seine Motorradschutzgebiet-Karte auf dem Tisch. Wir sahen, daß seine Hand zu zittern begonnen hatte.

"Die sind aber alle vor dem Ort auf den Campingplatz abgebogen" versuchten wir ihn zu beruhigen.

"Campingplatz. Aha."

"Ach.. ähh..", Matze zögerte, "befand sich auch jemand mit einer auffälligen ... naja... Kutte, darunter?"

"Ja, da war einer. Er führte die Gruppe an, aber wie er aussah können wir nicht sagen, es war einfach schon zu dunkel."

"Wisst Ihr", begann Matze, "vor ungefähr sechs Jahren ist hier mal eine ganze Anzahl von Mitgliedern eines berüchtigten Motorradclubs verunglückt. Auf der gleichen Strecke, die ihr heute gekommen seid. Es ist nur... ich erinnere mich wohl deswegen daran, weil heute ein ganz ähnliches Wetter ist. Jedenfalls sind siebzehn Menschen mitsamt ihren Maschinen in die enge Klamm kurz vor dem Dorf gestürzt. Einer davon war mein bester Freund. Er war der Präsident des Clubs. Wir mußten leider auf die Bergung verzichten, weil es viel zu eng ist da unten. Man findet heute noch ab und zu rostige Bruchstücke der Maschinen."

"Das ist ja schrecklich."

"Und was ich euch noch sagen wollte; Die Straße vor dem Ort führt nicht zu einem Campingplatz sondern...", Matze schluckte schwer, "... auf den Friedhof."

So begann der Besuch der Hanse-Biker bei Matze im Motorradschutzgebiet Harz und der Kalender zeigte auf den 30. April 2010 - die Walpurgisnacht !